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Ein auf einem Chip gespeichertes Alphabet von hoher digitaler Genauigkeit und Formqualität wird uns dann helfen, über die hohe Qualität der Gutenbergschen Druckkunst als Standard zu verfügen. --- Hermann Zapf
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Vor einigen Wochen wurde bei German Type Foundry und später auch bei Myfonts eine Schriftfamilie veröffentlicht, an der ich geraume Zeit gearbeitet habe. Sie ist neben der Prillwitz eine der beiden Schriften, mit denen GTF an den Start gegangen ist. An dieser Stelle möchte ich die Phoenica etwas näher vorstellen und alle, die es bis jetzt noch nicht gemacht haben, einladen, sich den Regular-Schnitt der Standard-Version kostenfrei zu laden.
In der Zeit des Hellenismus herrschte die Vorstellung, der Phönix sei aus der Asche des Osiris oder seinen sterblichen Überresten hervorgegangen und erreiche ein hohes Alter von ungefähr 300-500 Jahren. Am Ende seines Lebens baue der Benu ein Nest, setze sich hinein und verbrenne. Nach Erlöschen der Flammen bleibe ein Ei zurück, aus dem nach kurzer Zeit ein neuer Phönix schlüpft.
Die Phoenica ist eine moderne, s. g. humanistische Groteskschrift, die das Prinzip der Form-Reduktion aufgreift und fortführt. Die heute im deutschen als Groteskschriften (oder Sans-serif) bezeichnete Gruppe bildete sich Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung in England heraus. Im Gegensatz zu diesen weitgehend mechanistischen Umsetzungen in gleicher Strichstärke weist die Phoenica einen fein differenzierten Fett-/Feinkontrast auf, was sie wieder in die Nähe der humanistisch geprägten Sans führt, die von der Renaissance-Antiqua inspiriert ist. Bekannte Vertreter dieser Gattung sind die Syntax (1968 - 1972, Eduard Meier), die Frutiger (1968, Adrian Frutiger) und die Myriad (1992, Robert Slimbach und Carol Twombly).
Wesentliche Merkmale der Phoenica: - Fortführung der Reduktion einer bereits stark reduzierten Form (siehe Berhard Gothic) - fehlende Balken bei den Bogeneinläufen der Kleinbuchstaben - dadurch optische Betonung der horizontalen Ausrichtung - durch diesen »Schienen-Effekt« wie bei einer Serifenschrift durch Abflachung der Schwünge, wieder Betonung der Horizontalen - Anmutung ist organisch, nicht konstruiert, schlank und dynamisch - senkrechte optische Achse der Rundformen - wagerechter Innenbalken bei der Minuskel e - wagerechte Dachansätze der Minuskeln mit Oberlängen (l, h, k) - Oberlängen der Minuskeln gehen über H-Höhe hinaus - Ziffern von der Grund- zur H-Linie - 8 verschiedene Ziffernsätze (proportional, tabular, Mediäval und Mediäval-tabular, Kapitälchenziffern und tabular, Inferior, Superior, Numerator und Denominator) - Kapitälchen in der Belegung einer normalen Standardschrift, also mit allen gängigen Akzentzeichen - verschiedene Akzentformen für Minuskeln, Majuskeln und Kapitälchen - diverse Ligaturen - korrekte typographische Umsetzung lokaler Besonderheiten (speziell für polnisch und türkisch) - Griechisch - Kyrillisch - korrekte Umsetzung auch der kursiven Besonderheiten kyrillischer Kursiven - Römische Zahlen für Indizies - verschiedene Symbole und Bulletzeichen - versales ß - sechs Gewichte (Light, Regular, Medium, Bold, Black, Ultrablack) mit dazu gehörender echter Kursive ermögliches ein weites Spektrum möglicher Anwendungen von Mengensatz zu Plakatgestaltung - neben der normalen Laufweite auch alle Gewichte in Condensed (bis auf die Hairline) - 3 Hairline-Gewichte
Theoretisches/Herleitung/Historisches Das uns bekannte Alphabet besteht aus 26 Groß- und Kleinbuchstaben, Sonderzeichen, Akzenten und Interpunktionen. Laien fragen sich oft, wie man mit diesem minimalen Repartoire immer wieder neue Gestaltungen schaffen kann. Es gibt fast täglich neue Schriften und es mögen schon etliche Tausende sein, aus denen der interessierte Anwender seine Auswahl treffen kann. Trotzdem gelingt es immer wieder, Bekanntes zu variieren oder altbekannte Ansätze aufzugreifen und in neue Gestaltungen umzuformen. Die Phoenica ist eine Schrift, die den Bogen von historischem Zitat zu einer modernen Mengensatzschrift spannt. Bereits die ersten Entwürfen von Lucian Bernhard (1883 als Emil Kahn geboren) an seiner neuen Sans, die 1930 als Bernhard Gothic bei American Type Founders (ATF) veröffentlicht wurde, lassen seine Studien einer nochmaligen Reduktion der ohnehin schon stark reduzierten Formensprache der Grotesk erkennen. Markante Formen werden ihrer Anstriche beraubt und bestehen nunmehr nur aus Balken und Schwüngen. Diesen Ansatz der Formenreduktion wird auch bei der Entwicklung der Phoenica konsequent verfolgt und erweitert. Eine ähnliche Entwicklung kann man auch bei anderen Schriftentwürfen anderer Gestalter beobachten: Schmalhans, Dax und Prokyon gehen von gleichen Designmerkmalen aus.
Doch während bei anderen Schriften oft nachträglich die Funktionalität um die Mengensatz-Tauglichkeit erweitert wurde, stand diese bei der Phoenica von Anfang an im Zentrum des Gestaltungswillens.
Ich arbeitete seit ca. 1997 bis 1998 an dieser Schrift. Ersten flüchtigen Skizzen auf Papier folgten sehr bald präzise Ausarbeitungen direkt im Computer. In zahlreichen Testläufen wurde die Balkenbreite und Laufweite mit vielen Schriften verglichen und angepasst. Erprobtes wurde übernommen; manches wurde auch nach mehrmaligen Änderungen und Anpassungen verworfen. Nach intensiven Monaten der Arbeit an dieser Schrift folgten Zeiten stillen (Ver-)Zweifelns. Dieser Prozess zog sich über etliche Monate hin; später wurden Jahre daraus. Der gewünschte Gestaltungsansatz schien nicht wie geplant zu funktionieren. Die Weiterentwicklung der Schrift wurde abgebrochen...
Als die Schrift bereits verworfen worden war, kam in den vielen, langen Gesprächen über Schriften mit Michael Bundscherer zufällig das Thema der Möglichkeit einer nochmaligen Reduzierung von Grotesk-Schriften auf. Da erinnerte ich mich der Gestaltungen der Phoenica und erste erweiternde Skizzen Bundscherers schienen endlich die Lösung zu bringen: manche Schwünge wurde gestrafft; manche (zwischenzeitlich geraden) Dachansätze erhielten einen gewissen Schwung; die statische Ausrichtung wurde zugunsten einer humanistischen Dynamik aufgegeben.
Besonders hervorzuheben ist der markante Buchstabe Klein-a, der unzählige Male neu gezeichnet wurde, bis er sich harmonisch in das Gesamtbild einfügte; einen unverwechselbar eigenen Charakter hatte und dennoch im Zusammenspiel mit den anderen Buchstaben nicht hervor stach. Denn dieses Paradox macht den unbedingten Wert einer Schrift aus, die sich für den Mengensatz empfehlen möchte: unverwechselbar sein ohne aufzufallen. Ähnlich dem Phönix der Sage wurden entstand aus der Asche des Alten ein Neues: die Werkschrift Phoenica.
Dank den Proportionen von x-Höhe zu Ober- und Unterlänge weisen die Buchstaben der Phoenica einen höhere Wiedererkennbarkeit als andere, auf statischen Formprinzipien beruhenden Grotesken, auf. Sowohl Phoenica als auch Phoenica Condensed sind sehr gut lesbare Schriften, da sie speziell für Mengensatz optimiert wurden. Beide Grundschnitte (Regular und Condensed) sind aufeinander abgestimmt und folgen dem gleichen Formenprinzip, die Buchstaben wurden auf schnelle und leichte Identifizierbarkeit jeder einzelnen Glyphe entworfen.
Nachdem die Zurichtung der Grund-Buchstaben des Regular-Schnittes fertig war, wurde auf dessen Grundlage ein Fett-Schnitt entwickelt, da zwischen beiden Extremen als MultipleMaster interpoliert werden sollte. Jedoch konnte dieser Plan nicht 100% umgesetzt werden. Zwar konnten einige verwertbare Zwischenstufen erzeugt werden, aber durch die Extrapolation (hin zu Thin und UltraBlack) waren die Extremwerte nicht zu verwenden und mussten neu gezeichnet werden. Ebenso wurden die drei Hairline-Schnitte auf Anregung von Andreas Seidel hinzugefügt, die sich durch ihre Eleganz und Unaufdringlichkeit speziell für Kombinationen mit Fotos eignen. Auch diese wurden komplett neu gezeichnet.
Die Phoenica enthält ein so genanntes Stylistic Set. Dies bedeutet, dass (ein Featurecode-fähiges Satzprogramm vorausgesetzt) bestimmte Buchstaben bei Aktivierung dieses Sets durch die entsprechende Alternative ausgetauscht werden kann. Dieses Feature mag auf den ersten Blick wie eine Spielerei wirken, aber man kann so z. B. durch das Wechseln des Kleinbuchstaben a in der Antiqua-Form durch die runde Form im Satz einen völlig anderen Eindruck erzeugen.
Die Phoenica wurde (wie alle GTF-Schriften) mit einem versalen ß ausstattet. Angeregt durch einen sehr intensiven Kontakt mit Andreas Stötzner haben wir die Herausgabe der Publikation zum versalen ß in SIGNA wohlwollend und tatkräftig unterstützt. Die darauf entfachte Diskussion zeugt von regem Interesse am Thema. In der Vergangenheit wurde immer wieder versucht, diesen Buchstaben in der deutschen Schrift zu etablieren, was letztlich und bis heute an nicht enden wollender Polemik gescheitert ist.
Die Schriftgestalter waren in aller Regel vom Thema eines neuen Buchstaben sofort begeistert und es existierten bereits in der Vergangenheit zahlreiche Schriften mit diesem Buchstaben. Um auch dem anspruchsvollen Kunden gerecht zu werden, beinhalten alle GTF-Schriften das versale ß. Der Buchstabe selbst wurde nach den Design-Richtlinien von Stötzner entwickelt und fügt sich so ausgezeichnet in den Reigen der restlichen Buchstaben ein. Es liegt nun am Typographen, ob er statt der Verwendung dieses typografisch korrekt gestalteten Buchstabens lieber die eigentlich unhaltbare SS-Regelung einsetzen möchte. Er hat aber (dank des in GTF-Schriften standardmäßig enthaltenen Buchstaben) nun auch eine echte Wahlmöglichkeit – selbstverständlich auch bei Kapitälchen.
Schnitte Phoenica Std














 Phoenica Condensed Std












Desweiteren gibt es noch eine Standard-Office-Version (Regular und Condensed), die speziell für den Büro-Alltag geschaffen wurde.
Die Phoenica kann in der Vollversion exklusiv bei German Type Foundry bezogen werden. Lizenzen der Standard-Version können bei preussTYPE oder bei Myfonts erworben werden.
Für eine begrenzte Zeit kann man aber auch für Testzwecke, für Werbung im Zusammenhang mit German Type Foundry und für den privaten, nichtkommerziellen Gebrauch eine kostenlose Probefahrt mit der Phoenica antreten. Der Schlüssel dafür hängt an diesem Brett.
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