Die 12. Leipziger Typotage waren heiß, heiß, heiß und dies nicht nur wegen der hohen Temperaturen und der finalen WM-Spiele. Glücklicherweise regnete es abends zeitweise und so durften die Teilnehmer bei milden Temperaturen so manchen Plausch genießen. Auch die Nächte waren angenehm und so konnten wir uns in die Hitzeschlacht der Vorträge wagen.
Ich will Buchstaben machen, die nicht nur mir Freude bereiten. So einfach ist das. Zweifellos war der diesjährige Stargast Herr Georg Salden, der den Vortragsreigen am Samstagmorgen eröffnete. Herr Salden gestand gleich zu Beginn, daß er kaum Vorträge halte, und er selbst habe wohl mit größter Verwunderung auf seine eigene Zusage reagiert. Daraufhin habe er sich erst einmal mit einer Flasche guten Rotweins zurückziehen müssen. Sein Vortrag war dennoch sehr informativ und kurzweilig. Seine erfolgreichste Schriftschöpfung ist die Polo, auf die er besonders einging. Er gehört zu den wenigen Schriftgestaltern, der seit Jahren seine Schriften selbst (ohne Foundry oder Zwischenhändler) direkt lizenziert. Er verriet uns, daß seine Frau als schärfste Kritikerin maßgeblichen Anteil an seinem Schaffen hat. Mit dem Motto der Typotage »Made in Germany« könne er sich allerdings wenig identifizieren; preußische Tugenden hingegen träfen auf ihn und sein Werk wohl eher zu.
Wenn ich von den noch lebenden großen deutschen Schriftgestaltern eine Top-Five bilden müßte, wäre Herr Salden zweifellos dabei. Auf mich machte er einen bescheidenen und doch energischen - aber freundlichen Eindruck. Sicher ist er nicht (wie andere dieser Top-Five-Ikonen) für scharfe Gesten oder Schlagzeilen zu haben; sehr angenehm Herr Salden!
Wir müssen begreifen, dass der Mensch ein Teil der Natur ist. Deswegen funktionieren gerade Linien besser bei Maschinen als bei Menschen.
Der Vortrag von Prof. Werner Schneider und Helmut Ness hatte das Motto »Eine Schrift - Zwei Generationen: Vialog«. Diese Zweiteilung zog sich leider im doppelten Sinn visuell, personell und didaktisch durch den gesamten Vortrag. Das führte schnell ins Durcheinander: Herr Ness von fünfwerken (und ehemaliger Student von Prof. Schneider) versuchte oft vergeblich etwas den Ausführungen seines Mentors zuzufügen. Er schaltete etwas hecktisch zwischen Mac und Diaprojektor hin und her, was dem Zuschauer und -hörer so manches abverlangte. Beide berichteten über die Entstehung der Schrift Vialog, die sie gemeinsam für den Münchner Flughafen in Anwendung brachten. Herr Prof. Schneider schilderte seine jahrelangen Untersuchungen zu den Problemen der DIN-Schrift, wie sie im Straßenwesen der Bundesrepublik eingesetzt wird. Er sieht die Vialog als absoluten Fortschritt, da sie besser zu lesen ist und weniger Platz benötigte und damit Kosten einsparen könnte.
Der letzte Vortrag vor dem Mittagessen (ein etwas undankbarer Job, denn es war heiß, heiß, heiß und die Zeit war weit vorgeschritten) hielt Jana Faust, eine Grafikdesignerin aus Berlin. Sie berichtete über ihre gestalterische Auseinandersetzung mit dem Thema Schablone. Dabei untersuchte sie zahlreiche Anwendungen und nährte sich dem Thema mit der Gestaltung einer eigenen Schablonenschrift, die über Elsner und Flake zu lizenzieren ist. Mit dieser gestaltete sie ein interessantes Buch zum gleichen Thema. Das Buch, (als Ringbindung ausgeführt) hat Seiten, die sich ebenfalls als Schablonen verwenden lassen. Außerdem erlaubte sie uns Einblicke in ihre weitere Arbeit. Mir persönlich bleibt ihr »Einarmiger Bandit« (zum Phrasengenerator umgebaut) in guter Erinnerung.
Nach einer guten Mahlzeit referierte Herr Dr. Michael Matthes über seine Wege zum VEB Typoart, der bekannten ehemaligen Schriftenschmiede der DDR. Er berichtete, wie er als junger »Lichtphysiker« die Umstellung von Blei- auf Photosatz erlebte und diesen prägend durch seine Tätigkeit beeinflußte. Veronika Elsner und Günther Flake bestritten als Co-Referenten den zweiten Teil und zeigten die Beziehungen von Typoart zu URW und weiteren internationalen Firmen auf. Typoart erkannte schon früh die Notwendigkeit der Digitalisierung und Veronika Elsner und Günther Flake schulten die Typoart Mitarbeiter, nachdem bei Typoart ein Aristo-Computersystem installiert wurde. Diese Umschulung war so effektiv, daß innerhalb von nur 14 Tagen die Produktion auf digitale Technik umgestellt war. Desweiteren wurden digitale Typoart-Schriften gezeigt, die seit kurzem exklusiv bei Elsner und Flake vorhanden sind.
Der Vortrag von Ingo Preuß über Johann Carl Ludwig Prillwitz, den vergessenen Stempelschneider und Schriftgießer aus Jena, war hoch informativ und wird demnächst auf typeforum.de mit einem gesonderten Artikel gewürdigt. Im zweiten Teil stellte er seine eigenständige Interpretation der Prillwitz'schen Type - der ersten deutschen klassizistischen Type überhaupt - vor. Weiterhin verkündete er den Aufbau eines neuen Schriftenlabels »German Type Foundry« kurz: GTF. Dieses Label soll als Plattform niveauvoller, sehr gut ausgebauter Textschriften dienen und ein persönliches Netzwerk für selbständige Schriftschaffende sein.
Nach einer Kaffeepause am Nachmittag (es war heiß, heiß, heiß) trat ein gemütlicher Typ ans Rednerpult. Hubert Jocham, für mich bis vor einem halben Jahr eine völlig unbekannte Größe; sicherlich auch für andere Teilnehmer. Hubert Jocham berichtete über seine schulischen Wurzeln, der soliden Ausbildung an der FH Augsburg (Geheimtip), die bis heute als einzige Designschule noch nach den Vorgaben von Anna Simons (einer Schülerin Edward Johnstons) Schriftzeichnen und Kalligraphie lehrt. Hubert Jocham, noch relativ jung und dennoch gelernter Bleisetzer - der letzte seiner Altersklasse, wie er selbst ausführte, ging mit Empfehlung von Günter Gerhard Lange nach dem Studium in Ausgburg nach London. Bei Firmen wie Henrion, Ludlow and Schmidt konnte er Erfahrungen in allen Bereichen des Corporate Designs sammeln und feste Beziehungen knüpfen, die bis heute Bestand haben. Immer wieder arbeitete er typographisch, besonders im Zeitschriften- und Verpackungsbereich. Die Präsentation des seit 1999 freischaffend Arbeitenden wurde gegen Ende immer schillernder und aufregender. Auch die Besucher in der letzten Reihe horchten spätestens bei seinen Ausführungen zur Überarbeitung des Quelle Signets auf. Dem Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion über das für und wieder des Re-Designs bestimmter Marken an. Neben Quelle wurde auch das neue Logo von Franziskaner Weißbier und dessen Lateinisierung der gebrochenen Schrift thematisiert. Fazit: Jocham braucht keinen Kasten Fanziskaner-Bräu trinken, um zu wissen, was der Kunde will.
Nach dem erfrischenden Ausflug in die schillernde Welt der Magazine und Marken ging es mit dem Vortrag von Daniel und Sylvia Janssen wieder in die Vergangenheit. Sie berichteten über ihre Wiedererweckung der Holzletternproduktion im »Museum der Arbeit« in Hamburg. Was ursprünglich als Diplomarbeit begann, ging weit über diese Arbeit hinaus. Das Museum der Arbeit in Hamburg beherbergt die wohl einzige noch funktionierende Holzletternwerkstatt, die im wesentlichen aus den alten Beständen der Firma Gedi-Schriften besteht. Die Holzlettern Produktion (aus den USA über England nach Europa kommend) erlebte mit der Erfindung der Holzfräse und des Pantographen einen kometenhaften Aufstieg, um danach genauso schnell wieder zu erlöschen. Die Herstellung von Holzlettern war spätestens seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ein kaum noch lohnendes Gewerbe. So kam es zur einmaligen Konstellation, daß fast alle großen Schriftgießereien wie Klingspor, Haas oder Stempel ihre komplette Holzletternproduktion an die Firma Gedi-Schriften übertrugen. Somit sind viele der originalen Maschinen und Schablonen bis heute erhalten geblieben. Die Janssens katalogisierten diese alten Bestände und frästen neue Holzlettern von den alten Vorlagen und erstellten ein Schriftmusterbuch. Gleichzeitig erstellten sie ein komplettes Design für diesen Museumsteil unter dem Titel »Holzlettern Manufaktur Hamburg«. Doch die sympathischen Janssens fräsen nicht nur Holz, sondern arbeiten ganz zeitgemäß in ihrem gemeinsamen Designbüro in Hamburg.
Abschließend sprach Herr Horst Moser (den ich schon 2004 auf der Typo Berlin erleben durfte) natürlich über Paul Renner. Sein Vortrag war trotz fortschreitender, allgemeiner Ermattung spannend und informativ. Herr Moser hatte vor einiger Zeit zufällig einen Teil des Rennerschen Nachlasses erwerben können. In der Folgezeit ist er zu einem profunden Renner-Kenner gereift. Trotz der Aussicht auf ein lukullisches Abendbuffet entwickelte sich im Anschluß an den Vortrag eine rege Diskussion. Der Renner ist eben ein Renner, immer wieder.
Zweiter Tag / Sonntag
Inhalte werden schnell vergessen, doch der emotionelle Eindruck guten Grafik-Designs bleibt stabil.
Der Sonntag begann mit dem Vortrag von Wolfgang Beinert, der körperlichste Vortrag, wenn ich so sagen darf. Beinert zeigte seine Arbeiten, die eben 'typisch Beinert' sind. Viele seiner (sehr aufwändigen) Arbeiten wurden direkt für die Vorstandsetage erstellt, weshalb man durchaus sagen kann: The sky is the limit... Es macht Spaß, völlig frei und ohne wesentliche Budgeteinschränkungen mit edelsten Papieren und delikaten Farben zu arbeiten. Stellenweise zaubert Beinert, der ein guter Redner ist. Ernsthafte Einwände - seine allzu freien Arbeiten würden aktiv gegen bestehende Corporate Design Richtlinien verstoßen - läßt er nicht gelten. Wer ihn beauftragt möchte eben das Besondere. Interessant waren seine Ausführungen zu seiner Biographie. Beinert wollte ursprünglich zum Film und träumte von Hollywood, als ihn die Liebe nach Augsburg verschlug. »Eine Werbeagentur macht doch auch Werbefilme« dachte er sich 1990. Er gründete mit 5000 DM seine eigene Agentur, die schnell zur größten Agentur Augsburgs heranwuchs. Nach einschneidenden Erlebnissen mit der TGM, Günter Gerhard Lange und dem Magazin Graphis hatte er seine Berufung gefunden: er wollte frei typographisch arbeiten. Da eine Agentur Zeit und Kräfte bindet, löste er kurzerhand seine 22 Mitarbeiter zählende Firma auf. Seitdem bewegt und verlagert Beinert sich immer wieder. Nach sieben Jahren München geht es nun nach Berlin. Berlin zieht an.
Danach folgte der Vortrag von Judith Schalansky zum Thema »Die Fraktur – Eine gebrochene Liebe«. Sie stellte darin nicht nur ihr Buch „Fraktur mon Amour“ vor, sondern beleuchtete die geschichtlichen und soziologischen Hintergründe der so genannten Fraktur-Schrift.
Den Abschluß der Typotage 2006 bildete der Vortrag von Prof. Hansjörg Stulle, der unter anderem den TypeNavigator (wie er momentan von FontShop USA genutzt wird, unverständlicherweise ist er für viele Nutzer aus Deutschland gesperrt) präsentierte. Leider konnte ich nicht an den letzten beiden Vorträgen teilnehmen, mir wurde aber bestätigt, daß die Vorträge einen würdigen Ausklang bildeten.
Was bleibt? Die Typotage in Leipzig waren heiß, heiß, heiß und Deutschland ist Dritter! In Erinnerung bleiben mir die guten Vorträge, das gute Essen, die stimmungsvollen Tischrunden und viele neue und aufgefrischte Kontakte, wie sie wohl nur bei einer so konzentrierten Veranstaltung möglich sind. Leipzig ist eben eine Reise wert - und zu den TypoTagen sowieso. Dieses Jahr waren viele neue, junge Gesichter zu sehen und ich bin gespannt auf die kommenden Typotage 2007, die im Juni vom 15. bis 17. stattfinden werden.
Anbei eine Linkliste zu den anwesenden Teilnehmern und Rednern. Wenn sich hier jemand nicht findet und gelistet werden möchte, bitte eine E-Mail an das typeforum oder mich und es wird nachgeholt.
12. Leipziger Typotage 2006, Links
Abdullah, Rayan; Markenbau, markenbau.de; Schokozeit AG, schokozeit.de Elsner, Veronika; Elsner + Flake, elsner-flake.com Faust, Jana; das Grafik-Büro, dasgrafik-buero.de Flake, Günther; Elsner + Flake, elsner-flake.com Hubert, Jocham; Design + Type, hubertjocham.de Janssen, Daniel; Büro für Gestaltung Janssen, bfgjanssen.de; Holzlettern Manufaktur Hamburg, holzlettern-manufaktur.de Janssen, Sylvia; Büro für Gestaltung Janssen, bfgjanssen.de; Holzlettern Manufaktur Hamburg, holzlettern-manufaktur.de Kaiser, Erhard; dutchtypelibrary.nl/Kaiser.html; dutchtypelibrary.nl/DTLProkyon.html Linke, Oliver; Lazydogs Typefoundry, lazydogs.de Matthes, Michael; Licht & Schrift, matthes-lichtschrift.de Michael, Bundscherer; typolis, typolis.de; German Type Foundry - GTF, germantype.com Moser, Horst; independent Medien-Design, independent-medien-design.de Ness, Helmut; Fuenfwerken, fuenfwerken.com Preuß, Ingo; preusstype, preusstype.com; German Type Foundry - GTF, germantype.com Rehling, Bernd; Rehling graphischer Betrieb, rehling.de Salden, Georg; georgsaldentypes.de, TypeManufactur, typemanufactur.com Schalansky, Judith, fraktur-mon-amour.de Schneider, Werner, linotype.com/576/wernerschneider.html Seidel, Andreas; astype, astype.de; German Type Foundry - GTF, germantype.com Seifert, Georg; Schriftgestaltung und Grafikdesign, reets.de Strauch, Robert; Lazydogs Typefoundry, lazydogs.de Stulle, Hansjörg; Visuell - Studio für Kommunikation, visuell-kommunikation.de Übele, Ludwig; Type & Design, ludwiguebele.de Wolfgang, Beinert; Atelier, beinert.net; Typolexikon, typolexikon.de
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