nameplate typeFORUM

Suche im typeFORUM:    
Home |  registrieren |  FORUM |  Login
Aktive Besucher

Hier Mitglied werden...
0 Mitglied(er) online.
20 Gäste online.

Hauptmenü
· Suche im typeFORUM
· Suche nach Schriften
· Bücher zum Thema
· Downloads
· Galerie
· weitere Texte
· FAQ
· Font-Glossar
· Typo-Lexikon
· Links

Unsere Themen
· Startseite
· Aktuelles (Apr 19, 2010)
· Amüsantes (Jul 11, 2005)
· Fontdesign (Jun 11, 2010)
· Historie (Dez 01, 2008)
· OpenType (Dez 01, 2009)
· Programme (Jun 17, 2010)
· Sonstiges (Sep 16, 2009)
· Technologie (Nov 02, 2009)
· TrueType (Sep 02, 2004)
· Typographie (Mai 07, 2007)
· Utilities (Feb 28, 2010)

Zitate
es ist schwieriger, einen text lesbar anzubieten, als daraus eine schöne struktur [...], ein kunstwerk zu machen.
--- Otl Aicher

Linotype.com

...das Original.

Text Schriften
   (Bücher, Magazine, ...)
Symbol Schriften
   (Piktogramme, ...)
Handschriften
   (Kalligraphie, ...)
Corporate Schriften
   (für Corporate Design)
festliche Schriften
   (Geburtstage und anderes)
Fraktur Schriften
   (Keltisch, Gothic, ...)
Comic Schriften
   (Kinder und Spaß)
Western Schriften
   (Wie im Wilden Westen)
Coole Schriften
   (modern, technisch, ...)
Bildschirm Schriften
   (Pixelfonts)
Suche hier beginnen...


Personen: Schriftendiebstahl als Prinzip?
Gepostet von: Ingo Preuss
Logo Windows VistaEin Artikel, am 20.12.2005 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, hat für ziemlichen Wirbel gesorgt. Nicht der bekannte Fakt an sich – daß sich Microsoft (wieder mal?) bei einer Systemschrift kostenlos bedient hat – machte Furore, sondern daß der Redmonder Sofwarekonzern sich dieses dreiste Plagiat nun auch noch als Software patentieren lassen möchte sorgte nicht nur bei Linotype für Unmut.

Jakob Klein recherchierte den Artikel und führte in diesem Zusammenhang auch mit Ingo Preuß (Gründer von typeFORUM.de) ein schriftliches Interview. In Absprache mit Herrn Klein wird es nun hier im Wortlaut veröffentlicht.

Frage: Ist für Sie – rein geschmacklich – eine Schrift eher Kunstwerk, Gebrauchsgegenstand oder Computerprogramm?

[Schrift (lat. scriptura, scriptum: »Geschriebenes«; Englisch writing) ist die Form des graphischen Ausdrucks von Sprache (Metzler Lexikon Sprache).*]

Schrift ist Kulturgut. Und als solches sollte sie auch den Schutz genießen, den andere Kulturgüter genießen. Schrift hat eine lange Tradition. Schriftgestalter haben ebenfalls eine lange Tradition. Vor der Reproduzierbarkeit von Schrift wurde sie in Schreibstuben benutzt, um Gedanken und/oder Gesprochenes festzuhalten. Man kann Handschriften ganz bestimmten Schreibern zuordnen. Bücher ohne diese (geschriebenen) Buchstaben wären weiße Seiten und somit kaum Kulturgut. Nach der Reproduktions-Fähigkeit hat sich an diesem Fakt nichts geändert.

Deutsche Gerichte verzweifeln an der Frage, ob Schrift Kunst sein kann. Es gibt bis ca. 1943 tatsächlich einige Urteile, die für einige wenige Schriften Künstwürdigkeit attestieren. Seit es die Bundesrepublik gibt, wurde kein einziges derartiges Statement abgegeben. Schriften bewegen sich leider absolut in einer juristischen Grauzone und niemand hat Interesse daran, dies zu ändern. Und insofern ist eine Beantwortung dieser Frage nicht wichtig.

Für mich als Gestalter macht es keinerlei Unterschied, ob ich einen Strich auf Papier mache (schutzwürdig, weil Kunst) oder ob ich einen Buchstaben forme (nicht schutzwürdig, weil nicht eigentümlich etc.) Für mich persönlich ist Schrift natürlich Kunst. Egal, ob Schrift analog daherkommt (Kalligrafie) oder im Computer erstellt wurde.

Frage: Ist jeder Schrift die Handschrift ihres Designer deutlich anzusehen?

Nein. Das ist auch in den seltensten Fällen gewünscht. Schrift soll in erster Linie dienen. Sie ist kein Selbstzweck, sondern folgt einer sehr langen Tradition. Aber manchmal kann man durchaus eine gewisse Handschrift erkennen. Bei Hermann Zapf zum Beispiel sehr deutlich.

Machen Sie sich manchmal Gedanken über Türklinken? Geländer? Absätze von Schuhen? Auch diese Gegenstände wollen dienen. Sie fallen selten auf. Je weniger, desto besser wurden sie gestaltet. Fallen sie auf, dann stimmt mit ihnen irgendetwas nicht.

Frage: Ist eine Schrift wie die Frutiger Allgemeingut?

Was ist Allgemeingut...? Ich kann mit diesem Begriff herzlich wenig anfangen.

Es gibt von einigen Foundries s.g. freie Schriften, die eine besondere Open Source Lizenz beinhalten. In diesem Zusammenhang weise ich auf die OFL von SIL (Summer Institute of Linguistic) hin, die vor sehr kurzer Zeit eine solche Lizenz für 'Freie Fonts' vergleichbar mit der GNU-Public Lizenz veröffentlicht hat. Die allenthalben bekannte »Gentium« ist z. B. unter dieser Lizenz veröffentlicht. Ob diese Form sinnvoll ist, bleibt abzuwarten. Und es ist von Fall zu Fall zu untersuchen, ob diese Lizenz zu empfehlen ist oder eher nicht.
Bei meinen Schriften verbiete ich z. B. die Dekompilation und/oder Änderung/Konvertierung ohne meine ausdrückliche Genehmigung. Die OFL genehmigt derartige Praktiken...

Ich wiederhole nochmals: Schrift ist Kulturgut.

[Linotype verkauft den Font Frutiger, der die von Adrian Frutiger entwickelte Schriftart am Rechner nutzbar macht. Eine Schriftart ist eine Sammlung grafischen Zeichen mit zusammengehörigem Formprinzip. Die Umsetzung dieser Schriftart in eine druckbare Form, wie sie von Händler verkauft und vom Anwender eingesetzt wird, nennt man Font. Und ein spezieller Font ist die Frutiger.*]

Frage: Als Webmaster von typeforum.de, wie wichtig sind Microsofts Typographieentscheidungen für Typographen?

Komplexe Frage. Als Webmaster hat diese Entscheidung nur insofern Relevanz, weil sie die wahrscheinliche Verwendung der dargestellten Schrift eines Besuchers unserer Website einschränkt. Mäc-User haben nun mal andere Systemschriften als Windows-User. Und Windows-Anwender sind nun mal in der Mehrzahl.

Mir ist nicht bekannt, daß Microsoft irgendwelche typographischen Entscheidungen getroffen hat, die z. B. einen Trend gesetzt hätten oder die für Typographen von Bedeutung gewesen wären. Steve Jobs ist da um ein vielfaches intelligenter vorgegangen. Microsoft läuft Trends hinterher; hat bisher keine geschaffen.

Microsoft stellt in erster Linie Betriebssysteme her, die verkauft werden sollen. Typographie ist da völlig sekundär und dient als Verkaufsargument. Schrift in diesem Sinne ist eher politisch zu verstehen. Nicht umsonst ist das Engagement von Microsoft bei Unicode wohltuend massiv. Microsoft hat erkannt, daß dies zu guten Umsätzen führt, wenn z. B. Word auch in Korea, Japan und/oder arabischen Ländern eingesetzt werden kann.

Frage: Werden von Microsoft benutzte Schriften zum »No-Go« für Gestalter?

Nein. Es gibt aber Alternativen. Schriften, die einer Software 'beigefügt' werden, hat schließlich jeder. Und wenn es nicht um 100%ige Kompatibilität gehen muß (wie im Internet), dann werden gerne unterscheidene Schriften genommen. Und dies harmoniert nicht unbedingt mit monokulturell auftretenden Schriften.

Frage: Welches Image hat für Sie die Schriftart »Tahoma«?

Sehr gut gehintete Monitorschrift mit sehr großer x-Höhe. 1995 von Matthew Carter für Microsoft geschaffen, um eine Alternative zur Arial zu haben. Parallele Entwicklung zur Verdana, aber mit engerer Laufweite - wie diese ebenfalls nur am Monitor eine gute Schrift. Gedruckt sind beide nicht zu gebrauchen; aber ich denke, das war nicht gefordert. Verdana ist die bessere Tahoma.

Leider hat diese Schrift einen Fehler: Das im Deutschen und vielen anderen europäischen Sprachen verwendete Anführungszeichen oben (Unicode U+201C) ist nach links statt nach rechts geneigt. Dies führt zu einem typographisch unkorrekten Satz.

Frage: Wird kontrovers über den Fall Segoe/Frutiger diskutiert oder zeichnet sich eine einhellige Position ab?

Es wird nicht kontrovers diskutiert. Bei Arial wurde ebenfalls nicht kontrovers diskutiert. Ich bin mir sicher, daß den Allermeisten für ARIAL und/oder SEGOE sowohl das Verständnis als auch Einfühlungsvermögen fehlt. Spreche ich dieses Thema bei Laien an, ernte ich sehr oft Unverständnis.

Unter Schriftgestaltern hingegen ist die Meinung einhellig und eindeutig. Und ich denke, die Ehrlichkeit gegenüber Produkten aus dem Hause Microsoft werden u. a. von der ARIAL entscheidend mit geprägt. Niemand wird Skrupel haben, einem Dieb etwas zu stehlen...

Frage: Hat es einen andere Qualität, wenn der Konzern Microsoft eine Schrift plagiiert?

Ganz sicher ja. Microsoft genießt ein Quasi-Monopol. Jeder weiß, daß Bill Gates mit Microsoft zum reichsten Menschen dieser Erde geworden ist. Wie dieses legal und in dieser Kürze der Zeit gehen konnte erstaunt sehr viele. Es wäre auch eine andere Qualität, wenn Paris Hilton im Supermarkt BiFi klauen würde. Da muß etwas anderes wirken, was sich schnellen Deutungen entzieht.

Es betrübt nicht nur mich, daß dieser Konzern es nötig hat, Schriften zu stehlen oder zu plagieren. Es könnte im Gegenteil auch völlig anders aussehen, wie die ClearType-Schriften und das neue Vector-Pixel-Programm 'Acrylic' beweisen. Microsoft könnte zum absoluten Motor werden und wirklich richtungsweisend sein. Denn an den paar Dollar Lizenzen kann es wahrlich nicht liegen. Es geht m. E. bei diesen Dingen um etwas völlig anderes.

Sehen Sie den Vergleich zur Musik. Dort ist es allgemein bekannt, daß man für Benutzung (also für's Abspielen) Lizenzen zahlen muß. Das ist sogar Microsoft bekannt. Als es darum ging, einen neuen Startsound für Windows 95 zu schaffen, wurde niemand geringeres als Brian Eno engagiert, dies zu machen. Den Klang kennt man. Unbekannt ist sicher, daß diese Aktion Microsoft 35.000 Euro wert war.

Frage: Sehen Sie eine Parallele zwischen dem Fall Arial und dem Fall Segoe?

Unbedingt. Durch die ARIAL hat es keinen Erdrutsch gegeben. Microsoft hat dabei aber sehr viel über öffentliche Meinung und Moralität gelernt. Das war der Testballon. Nun wird das gleiche Prinzip mit der SEGOE verfolgt. Es ist peinlich und auch beschämend. Beschämender eigentlich nur noch die offiziellen Verlautbarungen zur Reinwaschung: Die ARIAL, die es angeblich bereits seit 1982 am Markt geben soll. Seit wann gibt es graphische Interfaces von Microsoft? Windows 1.01: 20. November 1985, nachdem im Januar 1984 der erste Mac erschienen war. Das erste Windows floppte allerdings, weil es keine Anwendungen gab. Alles lief nach wie vor unter DOS - und dort gab es definitiv keine ARIAL...
Windows 1.03 wurde erstmals mit Times New Roman und Helvetica ausgeliefert. Sieh an: Helvetica...

Ralf Turtschi zum Thema Arial in Publisher: http://www.publisher.ch/heft/052/Turtschi_Arial.php3

Meine zusammengefasste Meinung:
  • Das Achten von Schriftentwürfen hat ausschließlich mit Moral zu tun.

  • Leider fehlen weltweit eindeutige Gesetze.

  • Plagiaten und Schriftenklau sind Tür und Tor geöffnet und werden massiv praktiziert.

  • Bietet sich eine Gesetzeslücke, nutzt die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jemand aus.

  • An der Schließung dieser Lücken ist niemand interessiert; am wenigsten große Foundries. Daher z. B. dieses Hickhack um eine Standardisierung der EULA.

  • Jeder interpretiert die Gesetzeslage so, dass er sein eigenes Handeln begründen kann; sprich: mit gutem Gewissen weitermachen kann wie bisher.

Link zum Artikel in der Süddeutschen Zeitung: http://sueddeutsche.de/computer/artikel/587/66521/

---
Hinweis: Windows, Windows Vista, das Fensterlogo sind eingetragene Warenzeichen der Firma Microsoft. Alle Rechte liegen beim Markeninhaber.
[ * ] Quelle: Typografie.info TypoWiki (http://www.typografie.info)

Notiz: Nachtrag vom 23-02-2006: Linotype reichte am 21.12.2004 Einspruch beim europäischen Amt für Marken, Muster und Modelle im spanischen Alicante ein. Am 6.2.2006 erklärte das Amt den Geschmacksmusterschutz der Segoe UI für ungültig und stellte zweifelsfrei fest, daß die Segoe UI ein Plagiat der Frutiger ist. Entscheidung des Amtes als PDF-Download.
Begrenzung
Für den Inhalt der Kommentare sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich.
Re: Schriftendiebstahl als Prinzip? (Punkte: 1)
von typografie.info (webmaster_kein@Spam_typografie.info)
am 05 Jan 2006 - 15:55
(Benutzerinfo | Verfasser PM schreiben) http://www.typografie.info
Ich finde die Aussage »Microsoft klaut Schrift XY« immer etwas kurzgegriffen. Man sollte nicht vergessen, dass Arial und Segoe UI von Monotype »entwickelt« wurden. Man sollte also eher deren Praktiken auf den Prüfstand stellen. Microsoft hat sicher einen formal »sauberen« Lizenzvertrag für die Schriften mit Monotype. Das soll nicht heißen, dass Microsoft unwissend oder gar unschuldig ist, aber der schwarze Peter gehört wohl eher zu den Monotype-Designern gesteckt, die ihre eigenen Kollegen beklauen, und damit damit leider die ganze Branche in Misskredit bringen.

Linotype verkauft den Font Frutiger, der die von Adrian Frutiger entwickelte Schriftart am Rechner nutzbar macht. Eine Schriftart ist eine Sammlung grafischen Zeichen mit zusammengehörigem Formprinzip. Die Umsetzung dieser Schriftart in eine druckbare Form, wie sie von Händler verkauft und vom Anwender eingesetzt wird, nennt man Font. Und ein spezieller Font ist die Frutiger.

Mhh, wo hab ich das nur schon mal gelesen? ;-)

Ralf





Impressum | Kontakt | Datenschutz | Haftungsausschluss | RSS-Feed