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[...] je dreckiger es zugeht, umso mehr wird von hoher warte verkündet, wir müssen verantwortung übernehmen [...] in wirklichkeit ist es ein alibi vor dem, was man wirklich tut, nämlich den profiten nachgehen.
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Sammelsurium: Das typographische Prinzip
Gepostet von: Ingo Preuss
Versuch einer Begriffsklärung
von Herbert E. Brekle

Dieser Artikel wurde dem typeFORUM von Prof. Brekle mit freundlicher Empfehlung bereit gestellt, nachdem er bereits im Jahrbuch 1997 der Gutenberg-Gesellschaft veröffentlicht wurde. Er befasst sich mit dem Versuch einer Begriffserklärung: WAS ist typographisch; Seit WANN kann man von definitiv typographischen Werken sprechen. WO ist die Abgrenzung...
Wir danken Herrn Brekle für die Genehmigung, diesen informativen und wichtigen Artikel bei uns veröffentlichen zu dürfen.

Etymologisches, Begriffliches und Technisch-Handwerkliches

Der kürzlich verstorbene Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser hat sich 1992 in seinem geistreichen Essay Die Schrift in einem weiten philosophischen und kommunikationskritischen Kontext auch mit dem Begriff Typographie auseinander gesetzt. Er versteht darunter »weniger eine Technik zur Herstellung von Drucksachen ... [als] vielmehr ... eine neue Art des Schreibens und Denkens.«[1] Gleichwohl nähert sich Flusser seinem Thema erst einmal etymologisch: griechisch τύπος bedeute zunächst einmal »Spur«, γραφειν »graben«; somit sei das Wort Typographie »im Grunde ein Pleonasmus, der mit »Grubengraben« oder »Schriftzeichenschreiben« übersetzt werden könnte«[2]. Flusser konstruiert hier also - grammatisch-semantisch gesprochen τύπος als inneres effiziertes Objekt von γραφειν.

Sieht man genauer hin, ist τύπος als resultatives nomen acti von τύπτειν »schlagen« also als »Etwas durch Schlagen Erzeugtes, als »Abdruck«, »Abbild« oder »Prägung« zu verstehen. Begrifflich-semantisch ist Abdruck etc. als relationales Substantiv zu kategorisieren, bei dem eine Argumentposition nicht besetzt ist; sie wird implizit mitgedacht: »Abdruck« ist ja immer »Abdruck von etwas«. Versucht man nun die semantischen Umgewichtungen und Veränderungen, die sich durch die Zeiten an lehnwörtlichen Reflexen von τύπος im Lateinischen und in praktisch allen europäischen Sprachen feststellen lassen, auch nur grob zu rekonstruieren[3], dann stößt man auf einen grundlegen- den qualitativen semantischen Schritt, nämlich den Übergang von »Abdruck(en)« auf das, wovon sie Abdrucke sind, und das ist die moderne Grundbedeutung von Typus und seinen einzelsprachlichen Varianten.

Eine Explikation dieses Schrittes könnte folgendermaßen aussehen: Menschen, die mit Abdrucken einer Hand, eines Fußes oder irgendeines Artefakts (Brandeisen, Stempel etc.) konfrontiert sind, erkennen, daß mehrfache Abdrucke eines Gegenstandes einander im wesentlichen gleich sind. Dieser induktive Generalisierungsprozeß bildet die Voraussetzung für die neue Bedeutung von Typus: es geht nicht mehr um Abdruck(e) von etwas, sondern um das, wovon es Abdrucke sind, nämlich von einem Typus. Ein Typus – konkretmateriell oder abstrakt – kann sich also in indefinit vielen Abdrucken oder Exemplaren manifestieren; alle zeigen das ihnen »typisch« Gemeinsame.

Die Bedeutung von Typographie als einer Wortprägung der Neuzeit[4] läßt sich nicht mehr - wie Flusser es tut - einfach als Pleonasmus deuten, vielmehr waren sich die ersten Schriftschneider, -gießer, -setzer und Buchdrucker der Beziehung zwischen Typ (genauer Patrize etc.) und dessen mehrfach geschichteter Instantiierung als Matrizen, Lettern und Abdrucken von Lettern auf Papier schon von ihrer handwerklichen Praxis her voll bewußt[5].

Patrize-Matrize-LetterStreng genommen sind jedoch Patrizen (siehe Abbildung: Patrize - Matritze - Letter), die zwar als materielle Ausgangsformen für den komplexen typographischen Prozeß gelten können, nicht als die Urtypen für bestimmte typographisch zu realisierende Buchstabenformen anzusehen. Der Patrizenschneider mußte sich nämlich seinerseits Vorbilder für die Buchstabenformen, die er seitenverkehrt in Stahlstempel schnitt, auswählen; dies konnten - wie im Falle Gutenbergs - handschriftliche Vorbilder einer bestimmten Schriftart - z. B. der »klerikalen« Textura[6], die er fast sklavisch nachzuahmen suchte - sein; dem Patrizenschneider konnte jedoch auch eine bestimmte Schriftart in abstracto als Menge von Buchstabenformen vorschweben; dies wären dann die eigentlichen Typen.

Im letzteren Falle[7] mußte er eine eidetisch in seinem Gehirn gespeicherte Schriftart - mit all den für diese »typischen« Buchstabenformen - in seine konkret-materielle Ziselierarbeit am Patrizenstempel umsetzen. Vorläufig kann festgehalten werden, daß durch die Gutenberg-Technologie das typographische Prinzip auf der Basis der westlichen Alphabetschrift um die Mitte des 15. Jahrhunderts in technisch ausgereifter Form realisiert war. Trotz einiger Weiterentwicklungen in der technischen Peripherie[8] war diese Art der typographischen Repräsentation und Vervielfältigung von Texten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschend. Es verdient festgehalten zu werden, daß mit der Gutenberg-Technologie ein technisches Verfahren erfunden, ausgeführt und auch gleich optimiert wurde, das zugleich auch das für spätere Industrialisierungsprozesse und das heutige ökonomische System bestimmende Prinzip der Massenproduktion realisiert. Der maschinellen massenhaften Produktion von Gütern liegt - wie der Gutenberg-Technologie - die Relation zwischen Typ und Exemplar zugrunde. Fast alle Artefakte (Exemplare) in unserer Umgebung stammen aus der typgesteuerten Massenproduktion; Ausnahmen sind aufgrund individueller Intentionen gefertigte Unikate.

Definitionsversuch

Als definitorische Bestimmungen des typographischen Prinzips können gelten:
- Es ist ein wegen der eindeutigen physikalisch geregelten Abbildungsbedingungen besonders klarer Fall der allgemeineren Typ-Exemplar (type-token)-Relation;
- die Menge der zum Zwecke von Textrepräsentationen verwendeten Typen ist jeweils die Extension eines bestimmten graphemischen Systems, das hinsichtlich seiner Abbildungsbeziehungen auf morphologische, syllabische oder phonologische Systeme grundsätzlich als autonom angesehen werden kann[9]. Im wesentlichen können drei Arten von graphemischen Systemen unterschieden werden:

  1. (logo)morphographische (z. B. die chinesische Schrift)

  2. syllabographische (z. B. die japanische katakana-Schrift [mit kanji-Zeichen aus 1. gemischt])

  3. alphabetische (z. B. semitische/westliche) Schriften.

Bei 1. repräsentieren die Grapheme grundsätzlich lexikalische, bei 2. silbische und bei 3. phonologische Einheiten der jeweiligen Sprache. Eine 1:1-Abbildung der jeweiligen alphabetischen Grapheme auf Einheiten der gesprochenen Sprache kann, muß jedoch nicht gegeben sein.
  • Alle in einer typographisch realisierten Textrepräsentation vorkommenden Graphemformexemplare (»tokens«), die einen Text als Serie von Figur-Grund-Differenzen visuell (auch taktil oder haptisch) wahrnehmbar konstituieren, müssen hinsichtlich ihrer Formeigenschaften mit jenen des ihnen jeweils zugrunde liegenden Graphemtyps (der Type oder Letter) identisch sein.

  • Die Identität der Formeigenschaften von gedruckten Graphemformexemplaren (alle zu einer bestimmten Schriftart gehörend) mit jenen ihrer jeweiligen Typen muß durch die Anwendung physikalisch-mechanischer - heute durch opto-elektronische/digital-elektronische-Techniken (bzw. durch die diesen Techniken zugrundeliegenden »Naturgesetze«) gesichert sein[10].

  • Grundsätzlich müssen typographisch realisierte Textrepräsentationen aus Sequenzen von das jeweilige graphematische System konstituierenden minimalen Einheiten bestehen, d. h. diese Einheiten müssen sich auch materiell als einzelne (»bewegliche«) Lettern erweisen (siehe unten für Gegenbeispiele).

Wenn man das Minimalitätskriterium der einzelnen »beweglichen«, d. h. mehrfach in neuen Kombinationen verwendbaren Lettern aufgibt, dann wären Abdrucke von Ganztext- bzw. Ganzwortstempeln, Schablonen, Blockbuchplatten immer noch typographisch hergestellt; allerdings mit der wichtigen Einschränkung, daß sich durch die von Hand z. B. auf einer Holzplatte geschnitzten »Lettern« für ein und dieselbe Buchstabenform genau genommen ein Variantenraum eröffnet. Das heißt, daß sich die Identität zwischen Type und Exemplar (=jeweiliger Abdruck einer aus der Holzplatte individuell herausgearbeiteten »Letter«) auf die jeweilige Formvariante einer solchen »Letter«, die auf einer Holzplatte nur einmal vorkommt, beschränkt. Der Typus einer Buchstabenform wäre in diesem Fall also in der einmaligen Formgebung einer solchen Unikat-Letter gegeben, während in der Gutenberg-Technologie der Typus an der Patrizenform eines Buchstabens festzumachen ist und die Typ-Exemplar-Identität über Matrize(n), Letter(n) bis zu den Abdrucken zwangsweise gewährleistet ist.

Diskus von PhaistosHistorische Randbemerkungen und Beispiele aus der Zeit vor Gutenberg

Das Verfahren, von irgendwelchen Gegenständen Abdrucke herzustellen, war sicherlich schon in grauer vorhistorischer Zeit bekannt. Eines der frühen klaren Beispiele für die Realisierung des typographischen Prinzips bietet der berühmt-berüchtigte, unentzifferte Diskos von Phaistos (ca. -1800 bis -1600, Fundort: Kreta; siehe Abb. 2). Sollte die Vermutung zutreffen, daß es sich dabei um eine (logographische?) Textrepräsentation handelt, so hätten wir es tatsächlich mit einem »gedruckten« Text zu tun, bei dem alle definitorischen Kriterien des typographischen Prinzips erfüllt sind[11].

Entscheidend ist, daß materielle »Typen« sich mehrfach instantiiert auf der Tonscheibe nachweisen lassen.

Hupp[12] diskutiert fachkompetent die typographische Herstellungstechnik kurzer Texte auf antik-römischen Fingerringen und auf spätmittelalterlichen Siegeln. Die Eindrücke der Buchstabenformen wurden durch das Einschlagen einzelner »Punzen« (=Letternstempel, die das Buchstabenbild natürlich seitenverkehrt zeigten) erzeugt. Daneben wurden Inschriften auch sozusagen handschriftlich graviert, d. h. jede einzelne Buchstabenform wurde vom Graveur jeweils mit einem Grab- oder Punktierstichel neu »geschrieben« (quasi »gepixelt«). Vor kurzem hat Lipinski[13] auf kurze, mittels einzelner Buchstabenpunzen erzeugte, Inschriften auf einem silbernen Altaraufsatz in Cividale aufmerksam gemacht, der um 1200 zu datieren ist.

In einem qualitativ deutlichen Ausmaß wird das genannte typographische Kriterium der Minimalität bei verschiedenen Arten von Siegelstempeln, Herstellerstempeln, »Apothekerstempeln« u. ä. aus verschiedenen Epochen des Altertums und des Mittelalters verletzt: hier handelt es sich um Ganzwortstempel – vergleichbar den heute noch verwendeten Logotypen wie »&« – oder gar um Ganztextstempel bzw. deren Abdrucke.

Beispiele für diesen im strengen Sinne nicht-typographischen Herstellungsmodus von Wort-, Satz- und Textpräsentationen finden sich im Mittelalter sowohl in Europa wie auch im Nahen und Fernen Osten[14]. Im europäischen Raum gehören dazu vor allem die im späten Mittelalter hergestellten Blockbücher. Ihr Kennzeichen ist, daß in eine kompakte Holzplatte Bilder und Texte geschnitten und - nach der Einführung des Papiers Ende des 14. Jahrhunderts - auf dieses ökonomisch und technisch günstige Medium seitenweise gedruckt wurden.

Seltener trifft man Beispiele für Schablonendruck. In der wegen ihrer romanischen Fresken berühmten Kirche von Urschalling am Chiemsee findet sich in der jüngeren Malschicht (um 1400) ein umlaufendes Schriftband, das aus iterierten Abdrucken einer Schablone besteht. Diese zeigt in ausgeschnittenen Textura-Minuskeln zweimal die Formel »Ave Maria«[15] (siehe Abbildung). Auch hier ist das Kriterium einer aus einzelnen Lettern bzw. deren serialisierten Abdrucken bestehenden Textrepräsentation nicht erfüllt. Die anderen das typographische Prinzip bestimmenden Kriterien (siehe oben) sind dagegen erfüllt.

romanischen Fresken in der Kirche von UrschallingÜber eine besondere Spielart der typographischen Textrepräsentation berichtet Lehmann-Haupt[16]. Aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts sind in England (Surrey, Oxford, Birmingham) eine große Anzahl von Pflasterziegeln erhalten[17], die jeweils den Eindruck einer Buchstabenform zeigen. Durch entsprechende Aneinanderreihung konten im Fußboden von Kirchen und Abteien Inschriften erzeugt werden. Die typographietechnische Besonderheit dieses Verfahrens besteht darin, daß die Sequenzierung von Buchstabenformen zu Wörtern und Sätzen nicht mittels Lettern oder Punzen auf einem passenden Material erfolgt, sondern die Sequenzierung eine Repräsentationsstufe weiter stattfindet: erst die mit Ab- bzw. Ein drücken von Holzlettern versehenen Pflasterziegel werden zu Texten zusammengesetzt. Dasselbe Verfahren wird heute noch beim »Scrabble«-Spiel und in aus einzelnen ausgeschnittenen Buchstabenabdrucken zusammengesetzten Texten (z. B. anonyme Erpresserbriefe) angewendet. Gleichwohl sind alle definitorischen Kriterien des typographischen Prinzips erfüllt.

Abschließend soll ein im mittelalterlich-europäischen Raum seltener Fall von typographischer Textrepräsentation vorgestellt werden, bei dem ebenfalls alle Kriterien für die Anwendung des typographischen Prinzips erfüllt sind. Es geht um die mit dem Jahre 1119 datierte Weiheinschrift des Klosters St. Georg in Regensburg-Prüfening (siehe Abbildung). (Man beachte bitte auch diesen Artikel im typeFORUM) Die Inschrift befindet sich auf einer gebrannten Tonplatte (ca. 260 mm breit, ca. 410 mm hoch, ca. 30 mm dick). Der Text besteht aus 17 Zeilen Blocksatz, die nach dem Brennen der Platte alternierend weiß-rot übermalt wurden[18].

In Brekle (1993 a) wird analytisch detailliert nachgewiesen, daß:
1. die für den »Druck« verwendeten Lettern einzeln aus einem geeigneten Material (vermutlich Holz) geschnitzt wurden
2. diese Lettern in sequentia textzeilenbildend in eine weiche Tonplatte eingedrückt wurden.

Typographietechnisch gesehen heißt dies, daß der Satz- und Druckvorgang gleichzeitig abgelaufen ist. Daraus folgt, daß der Prüfeninger Typograph für jedes Vorkommen eines Graphems immer dieselbe Letter verwenden konnte.

Aus der Sicht der fast 350 Jahre später entwickelten Gutenberg-Technik hieße dies, daß die Fächer des Prüfeninger Setzkastens grundsätzlich jeweils mit nur einer Letter belegt waren. Wiederum im vergleich mit der weitaus komplexeren Gutenberg-Technik mußte der Prüfeninger Typograph den mehrfach geschichteten Herstellungsprozeß materieller Buchstabentypen (Patrize -> Matrizen -> Lettern [-> Abdrucke von Lettern]) nicht durchlaufen; ihm genügte pro Buchstabentyp (Graphem) grundsätzlich die Herstellung genau einer Letter (Unikat!), mittels derer er – auch in ein und derselben Zeile – beliebig viele Graphemexemplare durch Eindrücken erzeugen konnte (mechanisiert läuft dasselbe Verfahren bekanntlich bei der klassischen Schreibmaschine ab).

Diese Ausführungen lassen leicht erkennen, daß der Herstellungsmodus der Prüfeninger Weiheinschrift den für das typographische Prinzip aufgestellten Prinzipien vollauf genügt.

Im übrigen konnte durch ein kürzlich im Städtischen Museum Regensburg wieder aufgetauchtes Tontafelfragment, das Letterneindrücke einer etwas anderen Schriftart und Schriftgröße aufweist, nachgewiesen werden, daß es sich bei der Prüfeninger Weiheinschrift von 1119 um keinen einmaligen typographischen Kraftakt gehandelt hat[19].

Variabilität der Randbedingungen bei konkreten Anwendungen des typographischen Prinzips

Aus der hier vorgeschlagenen hinlänglich abstrakten Formulierung des typographischen Prinzips und den knapp vorgestellten Beispielen aus der zeit vor Gutenberg ergibt sich, daß verschiedene materielle Realisierungen der Stufen eines typographischen Prozesses die für das Prinzip konstitutiven Kriterien nicht tangieren.
  1. Es ist gleichgültig, in welche Materieart sich Graphemtypen eines Schriftsystems manifestieren (Holz, Metall ... digital-elektronische Impulsmengen);

  2. es ist gleichgültig, auf welches sinnlich wahrnehmbare Medium Exemplare von Graphemtypen projiziert werden: Eindrucke (Einbrennen) in weiches Materie, Aufdrucke mittels Farbe auf Papier, Textilien, Metalloberflächen etc.; die Graphemexemplare eines Textes können vertieft, flach oder erhaben realisiert sein, sie können per Laserstrahlen in ein nichtfestes Medium projiziert werden. Graphemexemplare können auch taktil (Braille-Schrift) oder dreidimensional haptisch erfahrbar gemacht werden.


weitere Artikel:
Echter Typendruck schon 1119 in Bayern
Zur handschriftlichen und typographischen Geschichte der Buchstabenligatur ß aus gotisch-deutschen und humanistisch-italienischen Kontexten

Links:
www.uni-regensburg.de/Universitaet/Forschungsbericht/Bericht_7/phil4/prof1.html
www.gutenberg-gesellschaft.uni-mainz.de/

Anmerkungen:
  1. FLUSSER, S. 44

  2. Ebd., S. 44f.

  3. Vgl. z. B. die Artikel type, prototype und archétype in der großen Encyclopédie.

  4. Vgl. MASON 1920, S. 466: »The word 'typographus' seems first to have appeared in print in the preface of the first edition of the 'Astronomicon' of Manilius, by P. Stephanus Dulcinius Scolae, printed at Milan in 1488.«

  5. Vgl. zu Details BREKLE 1994 b, S. 205ff. und HUPP 1929 für historisch-technische Varianten der Letterherstellung

  6. Vgl. BREKLE 1994a, S. 231f.

  7. Vgl. die Diskussion um die Entstehung von Druck-Antiquaschriften in BREKLE 1993b.

  8. Vgl. BREKLE 1994b, S. 209f.

  9. Vgl. BREKLE 1994b, S. 19ff.

  10. Damit sind - trivialerweise - handschriftlich hergestellte Textpräsentationen ausgeschlossen; beim Schreiben werden bekanntlich neuronal verankerte schreibmotorische Programme aktiviert, deren Ergebnisse in der Regel eine beträchtliche Varianzbreite ausweisen (unter- und intraindividuell). Im Falle der kalligraphischen Textpräsentation kann die Varianzbreite allerdings gegen Null gehen. Gleichwohl bleiben die qualitativen Unterschiede zwischen dem typographischen hardware- und den handschriftlichen »wetware« Herstellungsbedingungen natürlich bestehen. -
    Vgl. BREKLE 1994b, S. 210 für Einzelheiten

  11. Die spiralige Sequenzierung der Exemplare graphematischer Einheiten, die Tatsache, daß sie in eine Tonscheibe eingedrückt (Blindprägung!) und nicht aufgedruckt sind, stellen lediglich Variablen im Möglichkeitsraum der technischen Randbedingungen der Textpräsentation dar.

  12. HUPP 1929, S. 52ff.

  13. LIPINSKI 1986, S. 75-80.

  14. Zur Geschichte des Blockbuchdrucks und des Drucks mittels einzelner (»beweglicher«) Lettern in China und Korea vgl. z. B. CARTER 1925, TING 1029 und SOHN 1987.

  15. KLOOS 1980, S. 85, irrt, wenn er von dem »fortwährend wiederholten Namen Mariä« spricht.

  16. LEHMANN-HAUPT 1940, S. 93 - 97

  17. Vgl. HABERLY 1937.

  18. Vgl. die Widmungsseite (fol. Iv) des etwa 100 Jahre älteren Perikopenbuches Heinrichs II (Katalog Nr. 63 der Bayrischen Staatsbibliothek für die Ausstellung vom 20.10.94 - 15.1.1995 im Bayrischen Nationalmuseum München). Dort wurde dasselbe Mittel zur optischen Gliederung einer Buchseite verwendet (Goldschriftzeilen auf rotem Grund, Durchschußzeilen weiß).

  19. Vgl. BREKLE 1995.

Literaturverzeichnis
Brekle 1993a
- Herbert E. Brekle: Typographie A.D. MCXVIIII im Kloster Prüfening. Regensburg 1993.
Brekle 1993b
- Herbert E. Brekle: Anmerkungen zur Klassifikations- und Prioritätsdiskussion um die frühen Druck-Antiquaschriften in Deutschland und Italien. In: GJ 1993, S. 30 - 43.
Brekle 1994a
- Herbert E. Brekle: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. + 1500. Untersuchungen zur Morthogenese des westlichen Alphabetes auf kognitivistischer Basis. Münster 1994.
Brekle 1994b
- Herbert E. Brekle: Typographie. In: Hartmut Günther und Ott Ludwig (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. I. Halbband. Berlin, New York 1994, S. 204 - 227.
Brekle 1995
- Herbert E. Brekle: eine weitere Spur einer typographischen Werkstatt beim Kloster Prüfening im 12. Jahrhundert. In: GJ 1995, S. 23 - 26.
Carter 1925
- Thomas F. Carter: The invention of printing in China and spread westward. New York 19925.
Fillitz 1994
- Herman Fillitz et al. (Hrsg.): Zierde für ewige Zeit. Das Perikopenbuch Heinrich II. Frankfurt/Main 1994 (=Katalog Nr. 63 der Bayerischen Staatsbibliothek für die Ausstellung vom 20.10.1994 - 15.1.1995 im Bayerischen Nationalmuseum München).
Flusser 1992
- Vilém Flusser: Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?, Frankfurt/Main 1992.
Haberly 1937
- Loyd Haberly: Medieval English Pavingtiles. Oxford 1937.
Hupp 1929
- Otto Hupp: Gutenberg und die Nacherfinder. In GJ 1929, S. 31 ff.
Kloos 1980
- Rudolf M. Kloss: Einführung in die Epigraphik des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Darmstadt 1980.
Lehmann-Haupt 1940
- Hellmut Lehmann-Haupt: englische Holzstempelalphabete des XIII. Jahrhunderts. In: GJ 1940, S. 93 - 97.
Lipinsky 1986
- Angelo Lipinsky: La pala argentea del patriarca Pellegrino nella collegiata di Cividale e le sue iscrizioni con caratteri mobili. In: Ateneo Veneto. N.S. 24, S. 75 - 80.
Mason 1920
- William A. Mason: A hsitory of the art of writing. New York 1920.
Sohn 1987
- Pow.key Sohn: Early Korean typography. Seoul 1987.
Ting 1929
- Wen-Yuan Ting: Von der alten chinesischen Buchdruckkunst. In: GJ 1929, S. 9 -27
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