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Im verantwortungsbewussten Umgang mit Schrift geht es weniger um spektakuläre Lösungen als vielmehr darum, den meist geringen gestalterischen Spielraum optimal zu nutzen. --- Werner Schneider
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Die Leipziger TypoTage 2005 sind nun schon eine Weile Geschichte. Anläßlich der 10. TypoTage im letzten Jahr fanden sich zahlreiche Schriftentwerfer zum »Schriftenfest« in Leipzig ein. Damals wurde deutlich, wie groß das Interesse an den Arbeiten der DDR-Typografen und Schriftgestalter ist. Befürchtungen, daß die TypoTage nach dem Weggang SchumacherGeblers nicht mehr in dieser Form und Qualität abgehalten werden, haben sich zum Glück nicht bestätigt. Professor Rayan Abdullah und seine unermüdlichen Studenten haben die TypoTage 2005 wieder zu einem Ereignis werden lassen.
 »Tradition ist Bewahrung des Feuers, nicht Anbetung der Asche. « - Gustav Mahler
Der Freitag stand ganz im Zeichen der Gesellschaft zur Förderung der Druckkunst, Leipzig e.V. Nach der Mitgliederversammlung gab es eine Ausstellungseröffnung über das Lebenswerk von Georg Müller, der einer der bedeutenden Verleger Anfang des 20. Jahrhunderts war. Die Bücher des Georg Müller Verlages wurden unter der künstlerischen Leitung von Paul Renner zum größten Teil in Leipzig in unverwechselbarer Ausstattung und Qualität hergestellt. Die ganze Zeit der TypoTage war die wirklich sehenswerte Ausstellung den Teilnehmern frei zugänglich. Am Samstag sollten dann die TypoTage 2005 anfangen:
Das vorgegebene Thema war weit gesteckt: »Schriftdesign und Typografie – Made in DDR«. Professor Abdullah konnte zahlreiche Referenten gewinnen und führte als Moderator durch die Veranstaltung. Gewiß waren nur wenigen der (vor allem) jungen Zuhörer die Hintergründe des ganz speziellen Schriftschaffens in der DDR bekannt. Interna um die Firma 'Typoart' konnten nicht vorausgesetzt werden. Es soll an dieser Stelle kein Überblick zu Typoart gegeben werden. Es sei soviel verraten, daß an einem anderen Ort eine geeignete Plattform geschaffen wird, um sich genau darüber austauschen zu können.
Durch den Festvortrag von Prof. Axel Bertram über die »Schriften in der DDR« war das Thema fest umrissen. Doch was ist das Besondere an den Schriften aus/in der DDR? Gab es eigentlich typische DDR-Schriften? Professor Bertram gab einen ersten Überblick und führte im Zeitraffer durch das Schriftschaffen in Ostdeutschland. Auffallend war die Parallelität der Lösungen. Natürlich war Schrift immer und zu jeder Zeit ein Politikum. So auch in der ehemaligen DDR. Die Voraussetzungen des Anfangs waren miserabel: heftige Zerstörungen durch Kriegseinwirkung, wenig neue Designs, gewaltiger Bedarf an Schriften und veraltete Druckereien. Der später als VEB-Typoart bekannte Betrieb war ein staatlich angeordneter Zusammenschluß fast aller Schriftgießereien, Galvano- und Repro-Anstalten Ostdeutschlands. Viele der alten Designs oder Schriften wurden daher später von Typoart weitergeführt. Erst als Bleitype, später (mit gewaltigem Aufwand entwickelt) als Maschinen-Matrize für Linotype-Maschinen.
1951 wurde Herbert Thannhaeuser künstlerischer Leiter von Typoart. Auf ihn geht u.a. die sehr schöne und eigenwillige »Typoart Garamond« zurück, die Herr Kaiser in seinem Vortrag besonders hervorhob. Thannhaeusers Ära war geprägt vom Bleisatz. Nach Thannhaeuser wurde 1964 Albert Kapr dessen Nachfolger und blieb es bis 1977. In diese Zeit fiel die Umstellung von Bleisatz auf Photosatz, so daß parallel für beide Verfahren Schriften hergestellt werden mußten. Dabei entstanden immer wieder Schriften, die es diesseits der Mauer in dieser Qualität nicht gab. Fast jeder modischen Strömung, abgeneigt gelang es Typoart eine Handvoll fähiger Designer zu vereinen, die für den gesamten osteuropäischen Wirtschaftsraum (RGW) hochwertige Mengensatzschriften gestalteten.
Klangvolle Namen: Garamond (Thannhaeuser), Didot (Thannhaeuser), Bodoni (ehem. Schriftguß AG) aber auch Neu- oder Weiterentwicklungen: Super Grotesk (Arno Drescher), Leipziger Antiqua (Albert Kapr), Maxima (Gert Wunderlich), Minima (Karl-Heinz Lange) und die Publika (ebenfalls Lange).
Über den mühsamen Weg zu guten Buchstaben berichteten zwei altgediente Stempelschneider; vielleicht die letzten ihrer Art: Peter Simon und Helmut Wattler. Dies war m.E. der frischeste aller Vorträge dieser Leipziger TypoTage. Tragisch, daß sich im gesamten Museum keinerlei Objekte fanden, die den Vortrag der beiden Männer hätten illustrieren können. Tragisch auch deswegen, weil so ein weiteres wichtiges Kapitel Tradition sang- und klanglos verschwinden wird. Die Museumsleitung Frau Dr. Kugler sagte rasche Nachbesserung dieses Mißstandes zu. Interessant für alle Anwesenden der Disput zwischen Fred Smeijers (des einzigen Lehrers einer deutschen Klasse für Schriftdesign) und den beiden Stempelschneidern. Hier die (durch Smeijers recherchierte) Theorie, dort die jahrzehntelange Praxis der Hände. Auffallende Ungenauigkeiten der Auffassungen...
Weitere Vorträge dieses Tages drehten sich vorzugsweise um Anwendungen mit Schriften, also Typographie. Altehrwürdige Meister der (DDR-)Typographie (wie Walter Schiller) zitierten ansatzweise ihr Lebenswerk. Die Jüngeren folgten den Beispielen. Auffallend, daß fast alle der Ehemaligen heute eine Bestallung als Professor an einer graphischen Schule gefunden haben; ein Lob den damals sehr qualitätvollen Ausbildungen an der HGB Leipzig und in Berlin Weißensee.
Die immer wieder vom Moderator heraufbeschworene damalige Konkurrenz zwischen den Schulen in Leipzig und Berlin war aber nirgendwo zu fühlen und wurde auch von keinem einzigen Redner bestätigt. Es scheint auch eher (wenn es denn jemals existiert haben sollte) ein Thema der Typographen gewesen zu sein, als eines der Schriftgestalter. Denn Letztere waren i.d.R. in Sachsen konzentriert: bei VEB Typoart.
Am Sonntag - dem letzten der Leipziger TypoTage - sollte dieser Aspekt noch einmal intensiv betrachtet werden. Nach einem Vortrag von Karl-Heinz Lange (Typographie - wohin gehst du?) stellte Erhard Kaiser seine 'verlorenen Kinder' vor. Insgesamt waren es 5 Schriften, die er als jüngster der damaligen Gestalter für Typoart gezeichnet hat: Caslon Gotisch, Cleopatra, Quadro, Weiß Antiqua und seine Bembo. Sind diese Schriften nun für immer verschollen?
Warum diese Frage; diese Thematik. Was ist damals passiert?
Zum Verständnis Folgendes: Der VEB Typoart war seinerzeit im gesamten Ostblock die fast einzige Firma, die Mengensatzschriften hergestellte. Dies ist auch der Grund für ein so weit ausgebautes Sortiment an Schriftzeichen. Neben den 'normalen' Akzentbuchstaben für ganz Europa natürlich auch kyrillische und oft griechische Alphabete. Da sämtliche neuen Technologien in der graphischen Industrie Hochtechnologie waren, bestand ein Embargo seitens des Westens. Für Erzeugnisse, die nicht unter das Embargo fielen, mußten westliche Devisen bezahlt werden, die bekanntlich sehr knapp waren. Aus diesem Grund mußte Typoart alle DDR-Druckereien sowie jene in den anderen Ostblockstaaten mit den erforderlichen Schriften beliefern. Anfänglich mit Bleitypen, später auch digital für den Lichtsatz.
Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde aus dem VEB Typoart die Typoart GmbH. Verhandlungen zur Übernahme durch die Berthold AG und durch Compugraphic scheiterten. Im Mai 1991 wird die Typoart GmbH mit der Firma des neuen Gesellschafters HL-Computer, Berlin-West (Inhaber Karl Holzer) vereinigt. Es wird aber bald deutlich, daß Herr Holzer den (auch ideellen) Wert seines erworbenen Besitzes nicht einschätzen kann. Er war mehr an den Immobilienwerten von Typoart interessiert als an der Weiterführung des Betriebs. Die Produktion von Schriften wurde immer weiter zurückgedrängt und wertvolle Produktionsmittel und Bestände vernichtet. Später mußte seine Firma Insolvenz anmelden und Herr Holzer tauchte (tief verschuldet und unauffindbar) ab. Mit ihm gingen alle Rechte an den Typoart-Schriften in den Untergrund und gelten seitdem als verschollen.
In der Folgezeit wurden weiter die Bestände der ehemaligen Typoart unwiederbringlich vernichtet, da auch die Insolvenzverwalter und Banken nur an den Immobilien interessiert waren. Neben Matrizen, Originalzeichnungen wurden so auch digitale Datenträger zerstört.
Ehemalige Mitarbeiter von Typoart arbeiteten im Satzstudio von SchumacherGebler in Dresden und konnten beobachten, was weggeworfen wurde. Sie ahnen, was da in die Container wanderte. In Absprache mit Herrn SchumacherGebler sichern sie aber mit großem persönlichem Engagement diesen »Müll«. Nicht alles natürlich, aber wenigstens einen Teil.
Ein weiteres Problem erläuterte Herr Manfred Richter (ehem. VEB Typoart, jetzt Typostudio SchumacherGebler): Die Typoart hatte vor über 10 Jahren aufgehört zu existieren. Damals gab es z.B. nur 5 1/4" Disketten und Magnetbänder, auf denen z.B. die digitalen Daten gespeichert werden konnten. Es sind auch nicht alle Designs digital erfaßt worden bzw. wurde auf Holzers Betreiben nur ein kleiner Teil digital umgewandelt, da diese Umwandlung sehr zeit- und kostenintensiv sei. Typoart hatte außerdem ein eigenes digitales Fontformat entwickelt, von dem völlig unbekannt sei, ob es konvertierbar ist.
Diese Summe der Unwägbarkeiten war es anscheinend, die bis zu diesen TypoTagen 2005 niemanden bewogen hatten, von den geretteten Schätzen zu reden. Herr Kaiser ließ bei seinem Vortrag verlauten, daß es ihm aus sicherer Quelle bekannt sei, daß sich die digitalen Daten hier in Leipzig befänden. Diese Information schlug ein wie eine Bombe und das Publikum war wie der Moderator (Prof. Abdullah) elektrisiert. Immer wieder fragte er hartnäckig nach, was ihm den Spitznamen »Der Kommissar« einbrachte.
Diese Information an sich war vielleicht neu, aber was bedeutet sie?
Erst einmal sehr wenig, denn die verwertbaren digitalen Daten und Lizenz- und Verwertungsrechte befinden sich nach wie vor im juristisch unanfechtbaren Besitz des Herrn Holzers. Will man sie 1:1 verwenden, würde man sich auf sehr dünnem Eis bewegen - auch wenn man (wie es Ole Schäfer [primetype.com] es Karl-Heinz Lange vorgeschlagen hat) nicht davon ausgehen kann, daß Herr Holzer aus seiner Versenkung auftauchen würde, um seine Rechte einzuklagen. Ich halte diesen Weg moralisch für nicht gangbar, da er zumindest einen fahlen Nachgeschmack hinterläßt.
Vielmehr würde ich es aus vielerlei Gründen befürworten, daß ausschließlich Neudigitalisierungen von den alten Schriften gemacht werden. Wenn die ehemaligen Typoartisten dieses nicht alleine machen können (da sie zum Großteil noch niemals Schriften am Computer entworfen haben; man bedenke, es ist i.d.R. 10-15 Jahre her), sollten sie jedoch intensiv daran denken, Fachleuten den Zugang zu den größtenteils noch vorhandenen analogen Daten zu verschaffen, um zusammen mit diesen die Schriften völlig neu zu erstellen. Dies wäre dann eine wirklich wertvolle Zusammenarbeit, bei der es in der Tat um Tradition gehen würde – also um Werte, die man tradieren möchte. Es würde um wirkliche Zusammenarbeit gehen, bei der beide Teilnehmer Nutzen daraus ziehen könnten.
Ob die ehemaligen Typoartisten dazu bereit und fähig sein werden und ob bzw. wie z.B. das Museum für Druckkunst und/oder der Verein da unterstützend tätig werden können, wird die Zukunft zeigen. Denn wer sich mit der Schriftmaterie auskennt weiß, daß man mit Textschriften nicht viel Geld verdienen; wohl aber sehr viel lernen kann. Wer einmal den mühsamen Weg an der Seite eines erwiesenen Meisters zurückgelegt hat, braucht sich in diesem Gebiet vor nichts mehr zu fürchten. Solange Fred Smeijers der einzige Lehrer in Deutschland mit einer Schriftklasse ist, wäre diese Art Zusammenarbeit zumindest ein Versuch, im geeinten Deutschland sich dieses Kulturgutes bewußt zu werden und die gebotene Herausforderung anzunehmen. Traditionsbewußt...
Die TypoTage 2005 brachten sehr viele Gedanken. Sie bildeten die Plattform für Zusammenkünfte und stellen mittlerweile eine feste Größe in der Typoszene dar. Wir sind sehr froh, daß sie existieren und sind auf die qualitätvolle Fortsetzung gespannt.
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Re: TypoTage 2005 – Die Illusion von Tradition (Punkte: 1) von typografie.info (webmaster_kein@Spam_typografie.info) am 21 Jul 2005 - 20:28 (Benutzerinfo | Verfasser PM schreiben) http://www.typografie.info | >>>daß ausschließlich Neudigitalisierungen von den alten Schriften gemacht werden
Dem kann ich nur zustimmen. Es wunderte mich schon in Leipzig, dass immer nach den digitalen Beständen der Typoart gefragt wurde. Ich denke deren tatsächliche Qualität wäre gar nicht so berauschend, als das sich die wahrscheinlich aufwendigen Rekonstruktionen lohnen würde.
Statt dessen könnten die heutigen FontLab-Profis in Zusammenarbeit mit den noch lebenden Typoart-Designern die Schriften von Grunde auf neu digitalisieren. Schriftmuster sind ja noch genug vorhanden.
Ob das auch ein wirtschaftliche tragbares Unterfangen wäre, ist sicher zu bezweifeln, aber immerhin würde es helfen, einige Jahrzehnte Schriftkultur zu erhalten. Und das wäre es sicher wert!
Ansonsten auch nochmal mein ausdrückliches Kompliment an Herrn Abdullah und sein Team. Die Typotage waren eine gelungene und vor allem konstruktive Veranstaltung!
Ralf Herrmann
http://www.typografie.info
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Re: Leipzig, TypoTage 2005 – Die Illusion von Tradition(Punkte: 1) von twardoch am 31 Jul 2005 - 11:57 (Benutzerinfo | Verfasser PM schreiben) | Nachdem ich den Bericht gelesen habe, muss ich ehrlich zugeben, dass ich fast froh bin, diesmal nicht in Leipzig gewesen zu sein. Es hat sich anscheinend seit letztem Jahr nichts getan, es wird weiterhin der gleiche Unfug propagiert. Herr Kaiser hat bereits letztes Jahr erzählt, dass sich die Digitaldaten von TypoArt in Leipzig "befinden". Die Aussage, dass "sich die Lizenz- und Verwertungsrechte nach wie vor im juristisch unanfechtbaren Besitz des Herrn Holzers befinden" habe ich auch schon im letzten Jahr gehört. Dass Herr Holzer bereits seit 10 Jahren als verschwunden gilt und dass es zahlreiche rechtliche Möglichkeiten gibt, von Verträgen einseitig zurückzutreten und diese aufzulösen, ist wahrscheinlich bis nach Leipzig noch nicht durchgedrungen. Möglicherweise stimmt die Theorie mit dem Tal der Ahnungslosen. Hat denn jemand je versucht, den "juristisch unanfechtbaren Besitz" tatsächlich anzufechten? Oder ist die Jammerei das einzige, was man von der Ecke zu hören bekommt?
Andreas schreibt "Zum Verständnis Folgendes: Der VEB Typoart war seinerzeit im gesamten Ostblock die fast einzige Firma, die Mengensatzschriften hergestellte." Diese Aussage bestätigt leider wieder die Realitätsferne der Typoarter. Die Tschechoslowakei hatte die sehr aktive Grafotechna, die Sowjetunion das äußerst produktive Poligrafmasch -- beide beschäftigten namhafte Schriftkünstler und produzierten viele Satzschriften auf qualitative hohem Niveau. Poligrafmasch hat nach dem Zerfall der Sowjetunion schnell und effektiv einen Vertrag zur Digitalisierung der Bestände mit einer privaten Nachfolgerfirma unterzeichnet und somit sind heute die meisten sowjetischen Schriften bei ParaType erhältlich. Aus der Grafotechna sind einzelne Schriftkünstler hervorgegangen, wie etwa Frantisek Storm, die z.T. die Bestände digitalisiert haben, andererseits jedoch neue Entwürfe herausbrachten. In anderen Ostblock-Ländern gab es auch Staatsunternehmen die Satzschriften hergestellt haben. TypoArt war natürlich sehr bede
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