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Veranstaltung: Rückblick: TypoTage 2004 in Leipzig
Gepostet von: Andreas Seidel
Ein Schriften-Fest vom 9. bis 11. Juli 2004
Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Museums für Druckkunst wurden die TypoTage 2004 zum Schriften-Fest. Die Creme der Typoszene war geladen: sechzehn Herren und zwei Damen kamen und zeigten ihre Sicht auf Schrift. Ein besonderes Erlebnis war es, drei große alte Meister zu erleben: Günter Gerhard Lange, Kurt Weidemann und Hans Eduard Meier – dieses Trio hat zusammen stolze 245 Jahre auf dem Buckel.

Alle drei sind präsent und diskussionsfreudig, der Schweizer ein wenig leiser, die beiden anderen wortgewaltig wie eh und je. Demgegenüber standen mit Veronika Grüger, Ole Schäfer und Akiem Helming Vertreter der jüngeren Generation auf dem Podium.

Auf die sehr turbulente Jahresversammlung der Fördergesellschaft des Museums, die ohne einen einzigen Beschluss zu Ende ging, folgte der Festvortrag von Prof.Kurt Weidemann. Wie gewohnt kein Blatt vor den Mund nehmend, begann er mit einem Zitat Richard von Weizsäckers: »Die wichtigste Aufgabe einer weitsichtigen Führung ist es, das langfristig Notwendige kurzfristig mehrheitsfähig zu machen. Hierzu bedarf es großer Überzeugungskraft und vor allem eines gewaltigen Mutes auf jenem Spielfeld, wo jede Wahrheit wie eine Grausamkeit wirkt und wo jeder, der sie ausspricht, von einer Abstrafung durch die Wähler bedroht ist. Anstelle des Mutes tritt allseitige gleichmacherische Vorsicht.« Dieses Zitat erhielt gerade vor dem Hintergrund der vorangegangenen Auseinandersetzungen eine besondere Bedeutung.

In seinem Vortrag ging es Weidemann letztlich nicht um Serifen-Formen und Buchstabendickten, nicht darum, ob die echte Kursive steil oder schräg sei und welche Gattung am besten lesbar sei. Er betrieb Kulturkritik, und alle bekamen ihr Fett weg: furchtsame Zauderer, Pseudo-Fortschrittliche, Egozentriker und Karrieristen.

Warnung vor Verlust: an Gemeinsinn, an Dialogfähigkeit, Moral, Liebe und Vertrauen. Aufruf zum Innehalten in einer schnell-lebigen Zeit, um zu tieferer Erkenntnis zu gelangen. Aufruf auch zur Wertschätzung des Überkommenen, z.B. solcher historischen Schätze, wie sie im Museum für Druckkunst lagern, denn »in ihnen steckt die Weisheit, die Kenntnis und Erkenntnis eines halben Jahrtausends, eines Gewerbes und heute einer Industrie, welche die kulturellen Werte von Jahrhunderten erfasst und weitergegeben hat.« Weidemann fürchtet angesichts des »Mach-Wechsels« (ausdrücklich nicht: Macht-Wechsel) im Museum eine Tendenz hin zu reinem Event-Marketing ohne Fachkenntnis.

Dringend gebraucht werden aber Menschen, die sich mit Wissen und Leidenschaft der Bergung dieser Schätze widmen. Die »Produktionsgeschwindigkeiten, besonders im Satz, haben sich verhundertfacht. Jedoch in Hand und Hirn schleppen wir immer noch eine Menge Adam und Eva mit uns herum.« Schmerzhafter Spagat zwischen Mensch-Sein und digitaler Elektronik - da helfen nur Entschleunigung und Verlangsamung. Therapie bei Stress und Reizüberflutung: schreiben und setzen per Hand. Buchstabe für Buchstabe. Günter Gerhard Lange formuliert das zwei Tage später ähnlich.

Sprecher:

Prof. Kurt Weidemann hielt den Eröffungsvortrag.

Akiem Helming stellte sehr amüsant seine Arbeitsweise und die seiner zwei Mitstreiter, kurz von Underware, und deren Schriften vor.
Schriften: Dolly, Sauna, Unibody, Taxi
www.underware.nl

Prof. Werner Schneider, der Schriftgestalter, Typograf und Kalligraf zeigte seinen Formfindungsprozess. Seine Philisophie: Schrift kann man nicht konstruieren, sondern eigentlich nur modellieren.
Schriften: Schneider-Antiqua, Libretto, Vialog

Prof.em. Jovica Veljovic, der Schriftgestalter, Typograf und Kalligraf, stellte seine neueren Schriften vor und sprach über das Redesign der Tiemann Antiqua für die Zeitung ZEIT.
Schriften: Veljovic, Esprit, Gamma, Ex Ponto, Silentium Pro, Sava Pro

Albert Pinggera, Typograf und Schriftgestalter, schilderte seine Überlegungen zum Thema unechte/echte Kursive in den SansSerif-Schriften.
Schriften: FF Strada, FF Letter Gothic
www.design.buero.it

Hans Eduard Meier (»Syntax«-Meier) zeigte seine Schriftenbiographie und stellte intensiv die neue Schweizer Schulschrift mit dem zugehörigen Lehrmaterial vor.
Schriften: Syntax, ITC Syndor, Barbedor

Prof.em. Hildegard Korger, Kalligrafin, Schriftentwerferin und Dozentin, sprach über ihre Arbeit für TypoArt und über die technischen Tücken wärend der Umsetzung der Kis-Antiqua.
Schriften: Kis-Antiqua uvm.

Prof. Gert Wunderlich zeigte einige seiner Jugendsünden und widmete sich intensiv seiner bei TypoArt erschienen umfangreichen Schriftenfamilie Maxima.
Schriften: Maxima uvm.

Ole Schäfer berichtete über sein neues Schriften-Label Primetype sowie über seine ganz eigene Art, ganze Schriftenfamilien zu erzeugen.
Schriften: FF Fage, FF Dotty, FF Govan, FF Info, FF Zine, PTL Manual, PTL Adigo uvm.
www.primetype.com

Veronika Grüger berichtete über ihren Studienweg zur Schrift und stellte das Ergebnis, ihre neue Schrift Veronika, vor.
Schriften: Veronika

Martin Majoor zeigte seine Wege zum Schriftdesign und vertrat seine These, daß immer erst eine Serifenschrift sein müsse, bevor eine Serifenlose entstehen könne.
Schriften: FF Scala, FF Sacla Sans, Telefont, FF Seria, FF Nexus

Karl-Heinz Lange Schriftkünstler und Lehrer berichtete mit poetischer Sprache über seinen Lebensweg zur Schrift und stellte seine für TypoArt geschaffenen Satzschriften vor.
Schriften: Publica, Minima

Erhard Kaiser der Schriftgestalter und Lehrer zeigte seine bekannten Schriften Fleischmann Antiqua und Prokyon und stellte sein jüngstes Projekt, eine historische Schrift, die Fell vor.
Schriften: DTL Fleischmann-Antiqua, DTL Prokyon, DTL Fell Italic

Andreas Stötzner zeigte eine Zusammenfassung seiner wissenschaftlichen Arbeiten über die Unterschiede der griechischen, kyrillischen und lateinischen Alphabete und stellte seine neuen alternativen Alphabete für Griechisch und Kyrillisch im Rahmen seines Schriftengroßprojektes Andron vor.
Schriften: Andron
signographie.de

Günter Gerhard Lange, Schriftgestalter und Mahner, hielt das Schlussplaydoyer, welches nahtlos an die mahnenden Eröffnungsworte Prof. Kurt Weidemanns anknüpfte.
Schriften: AG Book, Boulevard, Concorde, Imago, viele weitere Berthold-Klassiker
www.gglange.de

Andreas Seidel und Ingo Preuß zeigten die Schwierigkeiten, Grenzen und Möglichkeiten bei der Digitalisierung historischer Vorbilder auf. Weiterhin stellte Ingo Preuß seine neue Interpretation der Fleischmann Gotisch vor.
Schriften: (as) Crayfish, Sattler, Sveva, Missale Incana / (ip) Babine, Ebura, Fleischmann Gotisch, Spitting Image uvm.
astype.de, preusstype.com

Albert-Jan Pool stellte seine neueren Schriften Jet Sans und Hein Gas vor. Er berichtete amüsant von seiner Hassliebe zur deutschen DIN Schrift, welche er neu gestaltete zur FF DIN.
Schriften: FF DIN, FF OCR F, Mauritius, Jet Sans, Hein Gas

Moderation:
Eckehart SchumacherGebler
www.SchumacherGebler.com


»Auf die Holländer ist doch immer Verlass«, freute sich Eckehart SchumacherGebler mehrmals während der Tagung. Sie haben ein besonders leichtes Händchen für so spröde Themen wie Schrift und Typografie. Die TypoTage 2004 waren insgesamt ein großer Erfolg. An die 150 Teilnehmer wurden gezählt, die sicher auf ihre Kosten kamen. Das zu toppen, wird an den TypoTagen 2005 schwierig.

Text: © 2004 Silvia Werfel, Wiesbaden
Fotos: © 2004 by Michael Bundscherer, München, www.typolis.de


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