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Im Sommer 2003 erwarb Horst Moser bei einem Antiquar in Überlingen eine Kiste mit sensationellem Inhalt: den Nachlass des weltberühmten Schriftentwerfers Paul Renner (Futura). Auf der TYPO 2004 zeigt Moser die historischen Dokumente erstmals einer größeren Öffentlichkeit: Zeichnungen, Briefe, Schriftproben, Texte und Fotografien.
Er konnte sich in seinem winzigen Verkaufsraum zwischen den verwegen aufgetürmten Buchstößen kaum bewegen, aber er sagte »Ja« auf meine Frage, ob er etwas zum Thema Typo hätte. »Im Keller liegt seit Jahren ein Karton mit Zeitschriften und Büchern und ganze Ordner voller Texte und Skizzen. Das Zeug ist aus einem Nachlaß. Ich glaube, der Verstorbene war sogar ein bekannter Schriftgestalter. Wenn Sie Interesse haben, kommen Sie morgen Mittag, so um halb zwölf. Jetzt kann man da nicht ran, ich bin ja hier allein im Laden und ich muß erst viele Kisten wegräumen. Ich glaube übrigens, der hieß Renner oder so. Er hatte hier in Überlingen ein Haus.«
Ich ging zu Fuß in mein Zimmer zurück und grübelte darüber nach, ob das wohl Paul Renner, der die Futura entwarf, sein könnte. Aber soviel ich weiß, lebte der in Frankfurt und München. Es wird wohl ein gleichnamiger Provinzsetzer sein. Paul Renners Nachlaß ist sicher in einem ordentlichen Museum der Öffentlichkeit zugänglich.
Texte und Skizzen. Was für Texte könnten das sein? Ich suchte in meiner mitgebrachten Handbibliothek, nach Einträgen über Renner. Hätte ich doch das Kabel für den Internetanschluß mitgenommen. Aber ich wollte ja hier in der Buchinger-Klinik zwei Wochen fasten – körperlich und geistig.
Wenns nun doch Paul Renner ist? Die Vorstellung, in den Aufzeichnungen dieses Giganten der Typografiegeschichte zu lesen und seine Skizzen zu betrachten, versetzte mich in nervöse Spannung. Aber wenns der Rennersche Nachlaß wäre, dann würde das Konvolut so teuer sein, daß ich es nicht kaufen werde.
Ich schlief äußerst schlecht. Und die vielen Stunden bis Mittag dehnten sich endlos. Zu anderen Zerstreuungen wie Schwimmen, Zeitunglesen, Yoga oder Fitneßübungen war ich aber nicht in der Lage. Eine Stunde vorher ging ich los. Mentale Abrüstung: keine Enttäuschung, wenn es doch nicht der Futura-Renner ist. Es ist so unwahrscheinlich. Wenn man die Erwartungen auf Null setzt, kann man sich auch über Kleinigkeiten freuen – wenn man in der Lage ist, sich selbst zu überlisten. Wenn, wenn, wenn.
In der Kiste lagen Architekturzeichnungen und vergilbte Pläne obenauf. Also doch nicht Renner. Der Antiquar hob Schicht um Schicht heraus und bekräftigte, daß es sich um den Schriftkünstler Renner handelte.
Da! Wahnsinn! Eine Broschüre mit dem alten g der Ur-Futura. Und hier eine Ausgabe der Form mit einem Renner-Beitrag, offensichtlich ein Belegexemplar. Und hier auf butterbrotigem Durchschlagpapier ein maschinengeschriebener Brief an die Landesgruppe Bayern des Bundes Deutscher Gebrauchsgraphiker, München 23, Römerstraße 4. Kein Zweifel mehr. Vortragsdurchschläge auf denen er bestimmte Worte mit Rotstift unterstrichen hatte, um die Betonungen richtig zu setzen. Belegexemplare von Briefbögen, die er gestaltet hatte. Und ich wußte gar nicht, daß er soviel gemalt hat. Aus den diversen Ausstellungskatalogen zeigt sich ein anderer Renner. Ein Naturschwärmer und nicht der rationalistische, maschinengläubige Futura-Entwerfer.
»Ich habe alles dem Gutenberg-Museum in Mainz angeboten, aber die wollten, daß ich jeden einzelnen Zettel aufliste, seinen Zustand beschreibe und preislich auszeichne,« sagte der Antiquar voll Verachtung über diesen Bürokratismus. »Ich würde das gerne komplett zum Pauschalpreis abgeben.«
Tja, Gutenberg-Museum – er wußte also Renner einzuordnen. Dann wird das sicher fünfstellig. Er addierte die Bücher, die Fachzeitschriften, die Schriftprospekte. Das konnte man auch gut taxieren, eine Gebrauchsgrafik aus den 30er Jahren kostet zwischen 15 und 50 Euro. Bei den Büchern gibt es sicher auch bei ZVAB gute Vergleichsmöglichkeiten. Aber was ist es wert, daß die Titelseiten von Renners Hand beschriftet sind?
Er begann die Summen zu addieren. Ich war ja darauf eingestellt, ohne ein einziges Stück davonzuziehen. Die erste Hürde war zwar schon überwunden, denn es war der echte Renner, den ich sehr bewundere. Aber wahrscheinlich wird alles am utopischen Preis scheitern, denn er ließ sich von meinem teilnahmslosen Pokerface nicht täuschen. Andererseits – wie oft kommt jemand, der dafür Interesse zeigt und auch bereit ist, mehr als 1000 Euro dafür zu bezahlen?
Ich hatte mehrere große Reisetaschen dabei und stopfte alles in den Laderaum des Taxis. In meinem Zimmer begann ich gleich in den Briefen zu lesen. Seine Antwort an jene, die ihn aus der Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker, deren Direktor er war, warfen. Geschrieben am 27. April 1933: »Ich hatte Ihnen auf Ihr Schreiben, in dem Sie mir mitteilen, daß Sie mich aus der Liste der Landesgruppe gestrichen haben, nicht erwidern wollen, da ich es für eine rein politische Aktion hielt, gegen die man sich in politisch aufgeregten Zeiten so wenig wehren kann wie gegen Sturm und Regen, auch dann nicht, wenn die Voraussetzungen dazu alle auf Mißverständnissen beruhen.«
So lautet der erste Satz des sechsseitigen Briefes, der natürlich mit all seinen Argumenten gegen die Nazi-Grobheiten auf verlorenem Posten stand. Man mag sich das Leid eines Menschen, der mit gutgläubiger Naivität an die Kraft seiner Argumente glaubt, gar nicht vorstellen: »Ich möchte nicht, daß München seinen guten Ruf verliert und erwidere deshalb Ihre Feindseligkeit nicht mit Feindseligkeit, sondern mit dem aufrichtigen Versuch, Sie eines Besseren zu belehren, nicht meinetwegen, sondern der guten Münchner Tradition wegen. Hochachtungsvoll gez. Renner.«
Ich habe auf einer Versammlung der tgm angeboten, das Material allen Interessierten zugänglich zu machen. Die Geschichte des Paul Renner muß natürlich nicht umgeschrieben werden, aber künftige Veröffentlichungen könnte diese kleine Kollektion eventuell bereichern.
Horst Moser
URL: http://www.independent-medien-design.de/NewFiles/rennertext.html
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